Chronik eines angekündigten Scheisstags

Am: Montag, 6. Oktober 2014

Chronik eines angekündigten Scheisstags

Ihr kennt sie, diese Tage. Es ist von Grund auf einfach alles falsch. Der Schlaf glänzt durch manisch-depressives Schwanken zwischen hellwach und beinahe eingeschlafen, dann macht man nur mal schnell die Augen zu und schon ists Morgen und man hat das Gefühl, man habe sich die ganze Nacht nur hin und her geworfen. Die guten Ideen, die einem dabei kommen, hat man am Morgen selbstverständlich wieder vergessen – ganz im Gegensatz zu den eher blöden Ideen wie „Ich könnte mir mal wieder so richtig krasse High Heels im Internet bestellen, das ist sexy und ich habe ja so Gel-Pads, damit sie nur noch extrem fest schmerzen anstatt „ich laufe auf heissen Kohlen“-fest“. Diese brillante Idee setzt man dann umgehend morgens um 4.47 in die Tat um. Ich bin Besitzerin von 11Paar Mitten-in-der-Nacht-Heels. Ziehe ich nie an. Bin doch nicht lebensmüde.

Nun gut. Man robbt sich dann vom Bett ins Bad und ist angepisst, weil einen das eigene Hirn um die wohlverdiente Ruhe gebracht hat - WE’RE SUPPOSED TO BE ALLIES! Miese Hirnschlampe! Vor dem Spiegel stehend zieht man sich, wenn man wie ich sehr langes, gelocktes Haar hat, seeeehr seeeeehr vorsichtig das Haargummi aus den über die Nacht zu einem einzelnen Dreadlock zusammengefilzten Haaren. Dabei hat man selbstverständlich den Mund weit auf und gibt ein konstantes „Au, Au, Au, Au“ von sich. Nachdem das Gummi aus dem Filz gezerrt ist (Rest in Peace, ihr 700 ausgerissenen Haare), knotet man sich die Pracht in der exakt gleichen Weise wieder auf den Näggel. Hat ja eh keinen Wert. Plus: ich will dem Tag nicht auch noch die Genugtuung zusprechen, mit in die Hüften gestemmten Ärmchen zu sagen: „Häsch ächt gmeint, ich bin kein Bad Hair Day, wükli etz?“ Fick dich, Tag. Zähne putzen und mit Hilfe von geschätzten 2kg Concealer versuchen, die ultratiefe Schwärze der Augenringe wenigstens in ein sportliches Anthrazit zu verwandeln. Selbstverständlich erfolglos - und so sehe ich nun aus wie eine Mischung aus Chucky der Mörderpuppe und Micheline Calmy-Rey. Da macht‘s auch keinen Unterschied mehr, wie ich mich anziehe und so entscheide ich mich für eine schwarze Hose und ein schwarzes Shirt. Ich trage Trauer - für mich selbst, weil die Welt so fies zu mir ist.

Kaum trete ich ans Tageslicht, stelle ich fest, dass die Hose dunkelblau und das Shirt dunkelgrün ist. Bravo. Keine Zeit, zurück zu rennen und so setze ich mich in meinem grün-blauen Mongo-Outfit auf mein knallrotes Velo und komme mir vor, wie ein Clown auf Urlaub. Bevor ich losfahren kann, muss ich jedoch noch die 12 Tonnen Abfall entsorgen, die freundliche Mitmenschen am Wochenende in meinem Velochörbli deponiert haben. Es handelt sich um eine Mischung aus Bierdosen und Pizzaschachteln, die von durch den Regen aufgeweichten, gebrauchten Taschentüchern zusammengehalten werden. Reizend.
Auf halber Strecke zum HB fliegt mir ein Insekt in den Ausschnitt, was mich kurzzeitig in Panik versetzt, da ich nicht weiss, ob es sich um eine Biene, eine Fliege oder einen sehr kleinen Helikopter handelt. In graziler Manier und leicht kreischend fahre ich also, eine Hand am Lenker, die andere in meinem Shirt, in Zickzacklinie gen Bahnhof. Wenigstens war‘s nur eine Fliege. Schnell das Fahrrad abschliessen und in den sowohl etwas zu grossen als auch etwas zu hohen Heels davon töggelen. Im Kiosk gibt’s kein zuckerfreies Redbull mehr, die 20min Box ist leer und einfach alles ist sehr elend an diesem Morgen. Im Zug, der 10 Minuten zu spät ankommt, ist die Lüftung ausgefallen und nachdem ca. 10‘000 Leute ausgestiegen sind, riecht es dort drin wie damals 1997 im Bubenschlag im Klassenlager beim Aufstehen. Igitt. Wenigstens hilft mir der Sauerstoffmangel, durch Einschlafen dieser olfaktorischen Folter zu entkommen. Im Büro angekommen ist einmal mehr eine Pflanze meinem toten Daumen zum Opfer gefallen. Ruhe in Frieden, Sophie die Zwergorchidee.

So sitze ich nun hier: ein schlecht frisierter, übel gelaunter, grün-blauer Pseudo-Clown.

In diesem Sinne: Dini Mueter, Mäntig.

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